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Bestattung

Christliche Bestattungskultur

Das christliche Begräbnis hat seit den frühen Anfängen des Christentums eine große Bedeutung für das christliche Selbstverständnis. Die Art und Weise wie eine Religions- und Kulturgemeinschaft ihre Toten begräbt, gibt Auskunft darüber, wie sie die Beziehung von Leben und Tod versteht.

Im Mittelpunkt aller christlichen Begräbniskultur seit dem Urchristentum steht der Glaube an die Auferstehung der Toten. Der Glaube, dass dereinst am jüngsten Tag die Leiber der Toten auferstehen und Lebende und Tote gemeinsam sich vor dem Richterstuhl Gottes versammeln werden, ist eng verbunden mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten am dritten Tag nach der Kreuzigung. Dieser Glaube leugnet nicht die Endgültigkeit des Todes und verweigert sich nicht der Einsicht, dass alles Leben begrenzt ist, aber mit der Hoffnung auf Auferstehung verbindet sich die Vorstellung, dass die Macht des Todes über das Leben nur vorläufig, nicht endgültig ist, dass die Macht des Todes, der Leben dauerhaft zerstört, überwunden werden kann, dass letztendlich das Leben immer wieder sich stärker als der Tod erweist.

In ihrer Anlage und Gestaltung bringen christliche Begräbnisstätten darum bis heute diese Einstellung dem Tod gegenüber zum Ausdruck. Bis ins späte Mittelalter war der christliche Begräbnisplatz der Kirchhof und die Kirche oder gar die Gruft unter dem Boden der Kirche, und der Gottesacker, ein ausgegrenzter Bereich geweihter Erde. Die Toten werden an diesen Orten nicht aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgesondert, sondern ruhen inmitten der Lebenden bis zum jüngsten Tag.

Die seit dem 18. Jahrhundert einsetzende Entwicklung, Begräbnisstätten vor den Toren der Stadt zu errichten, folgt Notwendigkeiten der Stadtentwicklung (Hygiene, Platzmangel, Bevölkerungswachstum). Die Bezeichnung des Begräbnisplatzes von nun an als Friedhof hat nichts mit einem Friedenswunsch für die Toten zu tun, sondern bezeichnet einen eingefriedeten Bereich, der anderen Bestimmungen folgt und Regeln unterliegt als die nicht eingefriedeten Bereiche.

Das zentrale christliche Symbol für den Glauben an die Auferstehung, der dem Tod seine Allmacht über das Leben bestreitet, ist das Kreuz. Es gehört in jede Friedhofskapelle an zentraler Stelle und steht nicht zur Disposition, egal unter welchem Vorzeichen eine Trauerfeier in der Kapelle durchgeführt wird.

Weitere unverzichtbare Elemente einer auch heute gültigen christlichen Bestattungskultur sind individuelle Grabgestaltung und die Namensnennung eines Verstorbenen.

Nach christlicher Überzeugung ist jeder Mensch ein einmaliges, nicht wiederholbares Geschöpf Gottes. Diese Einmaligkeit endet nicht mit dem Tod. Der christliche Glaube an die Gotteskindschaft jedes Menschen korrespondiert mit dem neuzeitlichen Gedanken der unverlierbaren Würde eines jeden Menschen und der unbedingten Verpflichtung zur Achtung dieser Würde. Auch braucht der Glaube zur Bewältigung des Todes für die Hinterbliebenen einen Ort der Trauer. Für die meisten Menschen ist dieser Ort verständlicherweise das Grab dessen, dem die Trauer gilt. Ortlose Trauer bleibt oft im Tod befangene und gefangene Trauer, die nicht mehr freikommt von der Übermacht des Todes auf das eigene Leben.

Eine fortschreitende Privatisierung des Bestattungswesens und eine Ausweitung der Anonymisierung des Sterbens und Begrabenwerdens steht in der Gefahr, den Umgang mit dem Tod mehr und mehr unter dem Gesichtspunkt von Entsorgungs- und Verwertungsinteressen anzugehen. Dieser Entwicklung muss sich eine aus christlicher Überzeugung hervorgehende Beerdigungspraxis auf kirchlichen Friedhöfen versuchen entgegenzustellen.

Jürgen Quandt,
Pfarrer und Geschäftsführer